Wir haben es geschafft – den Cortina Trail. Ich bereits zum zweiten Mal, Wu zum ersten Mal und zum dritten Mal sind wir in Cortina. Dieses kleine Dorf bei den Drei Zinnen lässt uns einfach nicht los, dieses Event erst Recht nicht. Wir wurden schon gefragt, warum wir immer wieder nach Cortina fahren und nicht in unserer Heimat ähnliche Rennen laufen würden. Nur wer dieses Event selbst mitgemacht hat, weiß, das weder Stimmung noch Landschaft in irgendeiner Form einem Rennen hier ähnlich ist. Ja wir sind verliebt in den Lavaredo Ultra Trail.

Dieses Jahr haben wir uns beide für den Cortina Trail angemeldet und beschlossen, dass wir dieses Rennen gemeinsam laufen werden. Als Testlauf für den Transalpin Run – das nächste Laufhighlight, vor dem wir schon jetzt enormen Bammel haben. Als wir seelig und etwas aufgeregt im Bett liegen, laufen bereits einige Bekannte von uns den LUT – also den langen. Vielleicht nächstes Jahr, vielleicht packen wir ihn auch?

Mit dem Shuttle an den Start und hinauf zum Passo Col Gallina

Immer wieder sind wir vom Service unseres Hotels Villa Argentina begeistert. Mit dem Shuttle geht es um 07:00 runter zum Start des Cortina Trails. Der Hotelchef und gleichzeitig Chauffeur, läuft selbst mit. Natürlich. Im Startbereich wird deutlich was es heißt mit 1500 Läufern an den Start zu gehen: es wuselt, es knistert, die Stimmung ist positiv geladen. Wir treffen Gerald V. und seine liebe Frau. Heimat hier bei uns am Start, das ist schon ziemlich nett. Und dann fällt der Startschuss um 08:00 Uhr und es tut sich nichts.

Wir stehen noch eine Weile, setzen uns dann langsam in Bewegung. Können uns warm laufen auf den ersten drei Kilometern hinaus aus Cortina und rein in den Wald. Wir stehen wieder kurz, es ist voll und der Trail schmal. Aber wir haben ja Geduld, es würde ja so oder so noch ein langer Tag werden. Dann ganz langsam kommen wir wieder ins rollen: also wir gehen die ersten Serpentinen, die ersten Höhenmeter des Tages. Wie immer, hier zu laufen geht sicher, für uns eben nicht und den Pulk um uns herum auch nicht.

 

Dann geht´s erst mal gerade und etwas bergab bevor in das lange Tal der Hitze und den für den Cortina Trail längsten Aufstieg des Tages. Wir müssen uns einreihen, laufen im Gänsemarsch auf dem schmalen Trail. Hier und da können wir etwas vorrutschen, aber so wirklich viel bringt es nichts. Die Sonne heizt schon gescheit ein, jegliches Wasser wird genutzt. Dann erreichen wir das wunderschöne, aber sehr heiße Flussbett. Wir kommen wieder etwas ins Laufen, aber Wu hat mit den ersten Anzeichen der Hitze zu kämpfen. Seine Motivation sinkt, der Körper fühlt sich leer an. Also gehen wir wieder ein ganzes Stück, ich versuche ihn zu motivieren und aufzumuntern. So ist das eben: Wenn man ein Team ist, dann ist man ein Team, auch in Zeiten der Schwäche. Über ein paar Serpentinen, dann die kleine Hütte bei der es wieder Wasser gibt. Und Stau.

Wir verlieren echt Zeit, aber die Flaschen nicht aufzufüllen, geht heute eben auch nicht. Mit aufgefüllten Trinkflaschen steigen wir weiter auf, langsam. Die Sonne ist ungnädig, am Wegrand, im Schatten der Felsblöcke, sitzen viele Läufer. „Immer weiter“, denken wir uns. Oben am Plateau haben wir es vorerst geschafft und nehmen endlich wieder laufende Form an. Und mit jedem flowigen Downhill-Meter, geht es Wu besser. Durch den Tunnel, dann wieder 100 Meter hinauf  an den alten Stellungen vorbei und dann ganz schnell runter zur ersten großen Verpflegungsstation Col Gallina. Wir sehen und hören ein bekanntes Gesicht, das uns anfeuert. Das ist immer das Größte, das fühlt sich gut an. Wir machen kurz Pause.

 

Unbarmherzig zum Passo Giau – die Sonne und der Aufstieg beim Cortina Trail sind einfach anstrengend

Was folgt weiß zumindest ich, Wu leider nicht. Oder vielleicht auch besser so. Wir laufen los, lassen Col Gallina hinter uns. Es folgt ein Aufstieg der ziemlich steil ist. Richtig vorwärts kommen wir nicht mehr, keiner so richtig um uns herum. Wieder gehen wir im Gänsemarsch, immer wieder setzen sich die Läufer um uns herum hin. Die Sonne knallt vom Himmel, aber irgendwann hat jeder Aufstieg auch wieder ein Ende. Auch dieser und wir erreichen eine kleine Verpflegungsstation Rifugio Averau. Hier schaut es etwas wie auf einem Kriegsschauplatz aus. Überall liegen Leute, cremen sich ein, schütten sich das Wasser über den Kopf oder steigen aus.

Wir machen uns schnell wieder auf den Weg, laufen hinunter und erwischen den Trail der uns zum Passo Giau bringen wird. Und wieder müssen wir uns einreihen und kommen nicht vorwärts. Für einige stellt das Blockwerk eine Herausforderung dar. Wir können nur ein paar Mal überholen, das ist aber mit Abstand fast der schönste Teil der Strecke. Er geht schnell vorbei und wir laufen durch die nächste große Verpflegungsstation Passo Giau.

Es mag leider bei mir kein Essen mehr rein, nur Cola funktioniert noch. Mein Leidensweg beginnt. Wir halten uns nicht lange auf und verlassen den Passo Giau. Vor genau einem Jahr habe ich Steve hier erklärt, dass es ab jetzt nur noch bergab gehen würde. Natürlich wusste es ich besser, auch jetzt. Zumindest ein steiler Anstieg würde noch folgen, der zweite war fast zu vernachlässigen. Die Querung hinüber zur steilen Scharte können wir stückchenweise laufen, aber inzwischen macht mir die Hitze ganz schön zu schaffen. Den steilen Anstieg schaffe ich nur noch sehr langsam.

Die anschließenden Meter über die Wiese schaffe ich dann wieder laufend. Und dann folgt der eigentlich zu vernachlässigende letzte Anstieg. An diesem Tag kann ich hier gar nichts vernachlässigen. Wu läuft vor, ich sterbe hinterher. Es nimmt kein Ende. Und dann oben angekommen, sehen wir endlich das Rifugio Croda da Lago. Dort unten ist noch mal eine Tankstelle und dann sind es quasi nur noch neun Kilometer bergab ins Ziel.

Wenn Trails kein Ende nehmen und das Ziel nicht näher kommt

Richtig fit bin ich heute nicht mehr. Wu eigentlich schon. Und die Zeit, ja die scheint in jedem Fall nicht besser als vor zwei Jahren zu werden. Ist aber im Angesicht der heutigen Wetterlage auch irgendwie egal. Am Rifugio geht jetzt auch keine Cola mehr rein, auch keine Cola Drops mehr. Nichts mehr. Ich will nur noch nach unten. Also machen wir uns sofort auf den Weg und nehmen den finalen Downhill in Angriff. Der ist endlos, hat aber auch eine kleine Streckenänderung. Ein neuer Abschnitt der wirklich schön ist und steil. Leider habe ich nicht wirklich mehr ein Auge für die Landschaft.

 

Dann kommt der lange Waldweg, der kein Ende nehmen will, bevor wir dann die Straße erreichen und damit die letzten zwei Kilometer des Tages antreten. Ich bin extrem glücklich endlich auf dieser Straße zu laufen und dann steht da eine liebe Familie, die Wassermelone aufgeschnitten hat. Unglaublich. Ich freue mich riesig. Damit geht es gleich viel besser. Dann steht es da klar und deutlich: Letzter Kilometer. Die Energie kommt kurzzeitig zurück, Wu schiebt mich die Straße rauf, die letzten 300 Meter ins Ziel schleppt er mich im Vollgas hinterher. Der Schritt über die Ziellinie ist jedes Mal etwas besonderes. Und wir vergessen prompt ein Finisher-Bild zu machen. Nehmen nur unsere Westen in Empfang und steuern die kühlen Getränke an.

 

Ziellinie beim Cortina Trail.

Der erste gemeinsame Zieleinlauf!

 

Danach wählen wir die Telefonnummer des Hotelchefs und bitten um den Shuttleservice. Natürlich hebt er ab, ist schon länger im Ziel. Als er uns ins Auto hilft, erzählt er, dass heute extrem viele Leute wegen der Hitze aussteigen mussten. Daher sind wir happy, dass wir die 48 Kilometer, 2600 Höhenmeter in 09:27 Std. auf dem 990 Platz von 1359 Finishern und 1500 Startern geschafft haben. Es war ein Kampf gegen die Hitze und dieses Mal auch gegen den Stau und uns selbst, streckenweise. Aber das gehört beim Ultralauf wohl dazu.