Es wird Zeit, dass wir endlich näher zu den Bergen kommen und daher planen wir die Fahrt und Aufstieg ins Basecamp des Pisco (5760m) für den dritten Tag in Huaraz. Das Llanganuco-Tal ist eine Touristenattraktion, denn hier findet man auch die wohl zwei wunderschönsten Seen Perus. Daher erwarten wir sehr viele Menschen. Das Taxi holt uns pünktlich um 08:00 Uhr beim Hotel ab. Willy gibt uns noch das von uns bestellte Brot mit auf den Weg und wünscht uns nur das Beste. Und beim Huandoy sollen wir bitte wirklich aufpassen, sind seine Worte. Wer uns kennt der weiß, dass wir im alpinen Stil unterwegs sind und auf die zu Hilfenahme von Bergführern, Material und Koch etc. verzichten, sofern es irgendwie geht. Das einzige was wir uns genehmigen ist der Transport des Gepäcks bis ins Basecamp, anschließend tragen wir selber.

Wir sitzen also in unserem super Taxi-Bus und sind erwartungsvoll auf die kommende Woche. So lange wollen wir nämlich in diesem Tal bleiben. Willy hat schon organisiert, dass wir drinnen einen Eseltransport zur Verfügung haben und sogar dem Taxifahrer das Geld mitgegeben, damit wir nicht mehr diskutieren müssen. Also doch irgendwie ein Sorglos-Paket. Die Fahrt dauert relativ lange: 1,5 Std. sind wir noch auf befestigten Straßen unterwegs, dann wechseln wir auf Schotterpisten. Julia und ich müssen irgendwann fürchterlich auf die Toilette. Aber unserer Fahrer vertröstet uns auf fünf Minuten später. Da erreichen wir nämlich den Eingang zum Nationalpark, bei dem wir dann unser Permit kaufen müssen und da gäbe es auch eine Toilette. Für einen Soles, freuen wir uns dann massiv über „tolle“ Toiletten. Aber macht nichts, ging trotzdem.

Umwerfende Naturschönheit im Llanganuco-Tal

Mit unserem Permit in der Tasche erreichen wir dann nach 2,5 Stunden Anreise endlich den Platz, an dem die Esel stehen. Es ist weniger voll, als gedacht. Eigentlich leer. Die Saison sei bisher eher schleppend, hat uns Willy bereits gesagt. An den Seen sind wir vorbei gefahren und ja die sind wundervoll. Wir aber konzentrieren uns aufs Bergsteigen und laden unser Gepäck aus. Es kommt immer ganz schön viel zusammen, allen voran unser sehr großes Salewa-Basecamp Zelt mit dem wir, ungewollt, noch auffallen werden. Nachdem wir wissen wer unser Gepäck transportieren wird und die Esel zusammengerufen werden, fahren wir ein letztes Stück mit dem Taxi, bis auch das endgültig stehen bleiben muss. Immer wieder aufregend seine sehr teure Ausrüstung einfach irgendwo liegen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass es alles passt. Erst später bekommen wir mit, dass zumindest mit dem Eseltreiber das erste Mal etwas in Peru nicht passen wird. Für den Moment sind wir aber einfach nur glücklich und freuen uns auf den Aufstieg durch diese wunderschöne Natur. Wir sehen den Yanapaccha, den Huandoy und Chopicalcui und jede Menge Wasser. Außerdem einige Kühe, die zwar nicht unbedingt fett ausschauen, aber ziemlich zufrieden.

Zunächst geht es durch den kleinen Wald flach ein Stück in das Tal hinein, bevor es dann links einen kleinen Weg hinauf geht. Kann man eigentlich nicht verfehlen, auch wenn sonst niemand unterwegs ist. In vielen Serpentinen schlängelt sich der Weg im unteren Bereich nach oben. Nur mäßig steil und wir kommen ganz gut voran. Dann erreichen wir ein flaches Alm-Stück auf dessen Höhe uns die Esel natürlich schon überholen. Sie sind eben doch ein ganzes Stück schneller als wir. Wir lassen sie ziehen, erklären Lukas noch wo er unser Gepäck abladen soll. Dann wird es wieder steiler und felsiger. Wir überwinden einen Aufschwung hinter dem wir dann endlich unser Basecamp nach 2,5 Stunden sehen. Und wie man sieht, sieht man nichts. So gut wie keine Zelte. Wie leer gefegt das Basecamp. Sorgen um einen guten Platz für unser Zelt müssen wir uns daher nicht machen. Platz ist ausreichend. Wir zahlen Lukas den Transport. Unwissentlich bereits zum zweiten Mal. Leider hat er sich eine Woche später nicht mehr an unsere Zahlung erinnern können. Nur an unser Trinkgeld. Also zahlen wir noch einmal. Das ist uns sonst aber noch nie in Peru passiert.

Zeltaufbau im Angesicht des Piscos

Wir sind recht früh oben und haben ausreichend Zeit unser großes Zelt aufzubauen. Unter größter Anstrengung allerdings. Die Luft auf 4600 Metern ist eben deutlich knapper. Schnaufen müssen wir, als hätten wir gerade einen Sprint hinter uns gebracht. Schwindelig ist uns auch. Also machen wir noch ein bisschen langsamer. Unser Basecamp-Zelt nimmt Formen an. Die Matten sind aufgeblasen und der Kocher köchelt bereits, als schon der erste Peruanische Bergführer bei uns steht und unser Zelt bewundert. Er würde es uns gerne abkaufen. Und wir müssten ja schon „professional climbers“ sein, wenn wir so ein Zelt hätten. Wir essen ein bisschen was am Nachmittag und bestaunen den Pisco, genau so wie die Huandoy-Gipfel. Gut schauen die Bedingungen nicht aus am Huandoy, aber man darf sich ja auch nicht täuschen lassen. Am Abend entschließen wir uns auf dem Rifugio Peru (liegt etwa 50 Meter übern Basecamp) zu Abend zu essen. Das ist schon Luxus – eine warme und gute Mahlzeit. Und günstig ist es auch. Danach fallen wir recht schnell in den Tiefschlaf in unserer Herberge.

Akklimatisierung und Materialdepot

Den zweiten Tag im Basecamp nutzen wir für einen Ruhetag, also fast. Wir entscheiden uns nach dem Frühstück hinauf auf das Moränenlager zu steigen. Das liegt nämlich auf 5000 Metern und hilft uns in der Akklimatisation und wir können sowohl für den Pisco als auch für den Huandoy Material dort oben verstaunen. Wir machen uns auf den Weg. Die ersten Meter geht es in Serpentinen durch sehr viel Schutt. Wir befinden uns eben voll auf den Ausläufen der Morräne. Nach rund 150 Höhenmeter kommen wir an die eigentliche Schlüsselstelle der Tour. Wir müssen uns über eine steile Schutthalde an der Kette abhangeln. Hier ist alles lose und brüchig. Und Steinschlag lässt grüßen. Danach geht es mäßig steil durch viel Blockwerk hinauf. Den Weg verfehlen wir zwischendurch. Aber im Grunde geht es eben immer nach oben. Am Morränenlager machen wir Pause. Anschließend gehen wir noch ein Stück weiter rauf uns platzieren die beiden Zelte, Gas und Essen für die Hochlager am Huandoy. Etwas weiter unten und im Zustieg zum Gletscher zum Pisco platzieren wir noch ein Seil für den morgigen Aufstieg. Anschließend machen wir uns auf den Rückweg ins Basecamp. Und wieder fragt uns jemand nach unseren Plänen: Beim Huandoy schaut er etwas skeptisch. Diese Saison sei noch niemand oben gewesen. Die Bedingungen seien gar nicht gut. Stein-und Eisschlag bei der Traverse und in der Rinne seien der Hauptgrund. Aber er wolle gerne unser Zelt abkaufen. Mhmmmmm, nein. Das brauchen wir ja schließlich selbst.

Mit dem Pisco (5760m) verdient man sich auch einen Pisco Sour

Im Basecamp wird es hell durch Stirnlampen. Es wuselt überall in den Zelten um Mitternacht. Auch bei uns. Nur haben wir verdammt viel Platz und können uns entspannt anziehen, kochen und uns für den Gipfel bereit machen. Um 01:00 Uhr machen wir uns im Licht der Lampen auf den Weg. Den Weg kennen wir jetzt und wir kommen sehr, sehr flott voran. Wir überholen zwei Gruppen, klettern über die Kette ab und sind auf direktem Weg zum Gletscher. Das Seil liegt noch an seinem Platz, wir nehmen es mit und ziehen uns am Einstieg zum Gletscher an. Jetzt ist es erst 03:00 in der Früh. In unserer Seilschaft machen wir uns auf die Autobahn. Die Spur ist gut ausgetreten und wir machen ein paar Meter. Durch den Gletscherbruch, vorbei an mächtigen Spalten und zum Teil eben auch drüber. Oben nach einem ersten wirklichen Aufschwung auf 5300 Meter fangen wir an zu schwächeln. Also Wu und ich.

Bei Wu kündigt sich bereits die Grippe an. Wir deuten es als „schlecht“ akklimatisiert. Und ich?Ich kämpfe einfach mit der weniger werdenden Luft und der Kälte, die sich langsam durch den Körper frisst. Es ist kurz vor Dämmerung und die kalte Stunde frostet uns. Aber wir kämpfen uns Schritt um Schritt nach oben. Es geht über einige Aufschwünge die zum Teil recht steil sind und bei jedem hat man das Gefühl gleich oben zu sein. Ganz langsam wird es heller und wir sehen, dass es noch ein kleines Stück zum Gipfel ist. Irgendwann ist die Sonne dann aber da und hält ein paar wärmende Strahlen für uns bereit. Noch einmal Zähne zusammen beißen und tief Luft holen. Dann gehen wir die letzten steilen Meter hinauf auf den Gipfel. Und wie immer fällt jegliche Last von den Schultern. Die Anstrengungen sind sofort vergessen. Glückseligkeit macht sich breit. Das ist Julia und mein erster 5000er, also ganz offiziell. Einen 6000er habe ich schon, aber ein 5er hat gefehlt. Der Pisco mit seinen 5760 Meter eröffnet uns einen fantastischen Blick auf die ganzen umliegenden Berge – Wahnsinn. Unbeschreiblich schön. Der Abstieg geht richtig schnell und wir machen Pause zurück bei der Moräne.

Wenn Wünsche und Gesundheit auseinander gehen

Noch auf der Moräne schmieden wir neue Pläne. Julia und Berni, zu diesem Zeitpunkt noch immer sehr stark, wollen in jedem Fall den Huandoy probieren. Wir deponieren auch unser zweites Seil im Lager. Wu, der sich schon extrem geschwächt durch die Erkältung fühlt, fühlt sich nicht mehr stark genug für eine so anspruchsvolle Tour. Und ich, schwächle eh schon als ich darüber nachdenke, dass ich schnell genug mit schwerem Gepäck in der Traverse sein und dann auch noch durch eine mehr als steile Rinne klettern muss. Ich habe Bauchschmerzen bei dem Gedanken. Außerdem ist es in Wu´s Fall sicher sinnvoll, wenn wir ganz absteigen und zurück nach Huaraz fahren. Aber erst einmal essen wir gut im Rifugio Peru und schlafen extrem fest.

Am nächsten Morgen schaut Wu extrem scheiße aus. Ein Abstieg ist quasi selbsterklärend. Ich fühle mich auch nicht mehr fit. Der Transport unseres Gepäcks geht dann viel zu schnell und wir verabschieden uns von Julia und Berni. Wir wünschen ihnen nur das Beste und machen uns gleichzeitig Sorgen. Ein Team trennen ist ziemlich ungut. Aber schneller als wir schauen können, sitzen wir im Taxi zurück nach Huaraz und Wu geht es mit jeder Stunde schlechter. Im Hotel empfängt uns Pamela liebevoll. Wir bekommen wieder ein schönes Zimmer, duschen und schlafen erst einmal. Tolles Hotel Santa Cruz – wir kommen gerne nach Hause.

Versuch Huandoy von Berni und Julia

Wir können hier natürlich nur nacherzählen: Leider hat es mit der Besteigung nicht geklappt. Aber Julia und Berni sind sehr weit in der Route vorgedrungen. Nach einer weiteren Nacht im Basecamp, sind die beiden zum Materialdepot aufgestiegen und anschließend weiter, um ein passendes Hochlager-Plätzchen ausfindig zu machen. Sie haben ein gutes und sicheres Plätzchen gefunden, ihr Zelt dort aufgeschlagen und haben dann noch in der Nacht mit dem Gepäck für ein weiteres Hochlager, den Aufstieg begonnen. Zunächst die Querung unterhalb des Huandoy Nord. Dort kamen sie relativ gut durch. Die ursprüngliche Route sah unpassierlich aus, die Rinne tatsächlich Eis-und Steinschlag-gefährdet.

Also entschied sich Berni für den Aufstieg durch eine sehr steile Rinne neben der Ursprungsroute. Gefüllt mit tiefem und losen Schnee baggerten sie sich nach oben. Eine Absicherung war nur schwer möglich. Die Rinne steilte dann auf bis zu 80 Grad auf – aber der Schnee wurde immer fauler und grundloser. Und nachdem Berni keine Absicherung mehr setzen konnte, entschlossen sich die beiden zur Umkehr. Das Abseilen stellte noch mal eine Herausforderung dar. Aber es war die beste Entscheidung, auch wenn diese schwer fiel. Diese Berge sind einfach keine Spaziergänge mehr und der Huandoy in dieser Saison offensichtlich einfach kein bestiegener Berg. Leider. Wir sind mehr als froh, als die beiden nach drei Tagen ebenfalls zurück im Hotel ankommen und sie uns noch ganz viel vom Huandoy-Versuch berichten. Aber auch Berni und Julia müssen sich „krank“ melden. Berni leidet ebenfalls unter einer Erkältung, die aber eher in Richtung Husten geht.

 

Jetzt mussten wir erst einmal alle gesund werden und die Füße still halten. Mich trifft es inzwischen auch mit einer Erkältung. Einfach Mist, wenn eine ganze Gruppe einfach mal so krank wird. Das haben wir so nicht geplant und demotiviert uns ziemlich. Außerdem geht man ja nicht gerade gestärkt aus einer Erkältung raus…

Teil I zu dieser Reise gibt es hier zu lesen!