Runter vom Kapruner Törl.

Erst ein paar Tage her, aber der Stolz ist immer noch da. Zum dritten Mal habe ich die 50 Kilometer-Distanz beim Großglockner Ultratrail gefinished. Die ersten beiden Male hieß er noch Glockner Trail – jetzt hat er einen neuen Namen: Kalser Tauern Trail. Die Kennzahlen sind die gleichen: 50 Kilometer und 2000 Höhenmeter. Die Uhr sagt trotzdem noch immer 48,1 Kilometer, dafür aber 2300 Höhenmeter.

Wie dem auch sei: Ich bin ein drittes Mal über die Ziellinie in Kaprun gelaufen mit persönlicher Bestzeit. 08:54,33 Stunden. So heiß wie am vergangenen Samstag den 28.Juli 2018 war es noch nie. Der Großglockner Ultratrail ist ein Treffen von vielen Freunden und Bekannten. Ein Highlight in der Österreichischen Trailrunning Szene, ein Familientreffen. Daher freuen wir uns immer auf dieses Wochenende im Juli. Steve, Tobi, Manuel, Rupi, Ronny, Tom, Harry, Kristin, Flo – all diese lieben Personen sind da und gemeinsam gehen wir jeder für sich seine eigene Herausforderung an.

Früh aufstehen und ein Bus zum Start in Kals

Freitagabend hole ich schnell meine Startunterlagen ab. Neben meiner Startnummer 2210 gibt es auch noch einen Laufrucksack von Dynafit. Wow – ein ziemlich hochwertiges Startergeschenk. Ein gutes Abendessen gönnen wir uns im Dorfkrug, wie jedes Jahr. Und jedes Mal stellen wir fest, dass das Essen zwar gut, der Service aber nicht immer nett ist. Müde falle ich ins Bett in unserer Pension Trauner. Wu ist ebenfalls für seinen Job als Fotograf vorbereitet und Luke ist so oder so für alles bereit. Nur die angekündigte Hitze macht mir wirklich Sorgen, denn ich bin absolut nicht Hitze-resistent. Ganz im Gegenteil. Mein Wecker bringt mich aus dem Bett um 03:30 Uhr – meine beiden Männer schlafen noch. Leise ziehe ich alles an und mache mich auf dem Weg zum Bus, der uns um 04:30 Uhr zum Start in Kals am Großglockner bringt. Perfekte Organisation. In Kals ist es bereits angenehm warm und voller Läufer. Tom Farbmacher – Gewinner des Großglockner Ultratrails 2018 in neuer Rekordzeit – ist bereits durch Kals durch. Wir bekommen ein paar der nächsten Läufer und der Staffeln mit. Und um 07:00 Uhr fällt unser Startschuss und ein ziemlich großes Teilnehmerfeld setzt sich in Bewegung.

Erstes Ziel: Rudolfshütte beim Kalser Tauern Trail

Die ersten schnellen Meter sind auf der Straße und wieder ist mein Puls auf Anschlag. Ich nehme sofort Tempo raus. Auf Höhe des Taurerwirts haben sich viele Menschen versammelt um uns anzufeuern. Die lange Forststraße zum Kalser Tauernhaus führt uns durch die Klamm, einige Tunnel und vorbei an vielen Kühen. Ich komme gefühlt um einiges schneller voran und kann einige Meter wirklich laufen. Die Verpflegungsstelle beim Kalser Tauernhaus lasse ich aus und freue mich auf den nun folgenden Trail. Den kann ich zwar noch immer nicht laufen, aber ziemlich flott gehen. Ich hefte mich an eine Gruppe Männer und schiebe mich mit Ihnen immer weiter nach oben. Musikalische Unterstützung bekommen wir auch. Ein großes Dankeschön an die „Musi“.

In der Weite sehe ich schon den steilen Anstieg hinauf auf die Kalser Tauern. Jedes Jahr zieht es hier einigen das Aggregat. Vermutlich auch wieder mir, aber ich nehme mir vor, dass ich durchgehe, auch wenn es noch so langsam ist. Es ist steil und warm. Ich ziehe mich an meinen Stecken hoch. Irgendwann hat jeder Anstieg ein Ende und dann geht es bergab. Meistens jedenfalls. Ich nehme meine Beine in die Hand und setze mich wieder in laufende Bewegung. Die Rudolfshütte wartet schon auf mich und ich glaube ich bin sogar schneller als vor zwei Jahren bei ihr. Die Verpflegungsstation ist belebt und die Stimmung ist es auch. Ich lasse mir nicht viel Zeit und rausche wieder ab.

Zweites Ziel: Schnell aufs Kapruner Törl zu Christian und Luke

Ja so ein Ultralauf lebt von Zwischenzielen, die man sich setzt. Mein nächstes Zwischenziel ist das Kapruner Törl. Zum einen weil man dann den Großteil aller Anstiege geschafft hat, zum anderen, weil dort Christian und Luke warten. Christian sitzt dort oben als Fotograf und möchte meinen Durchlauf noch erleben. Ich will ihn nicht zu lange warten lassen und versuche den Downhill von der Rudolfshütte so schnell es geht zu erledigen. Es ist technisch und genau das liebe ich am Großglockner Ultratrail. Das flache Stück zum Start des nächsten Aufstiegs kann ich durchlaufen und bin super happy. Nur die Hitze macht mich das erste Mal schon ernsthaft fertig. So sehr, dass ich im Aufstieg zum Kapruner Törl im unteren Teil nicht merke wie sich Kristin – Gewinnerin des Großglockner Ultratrail 2018 – mir nähert und ich sie nicht gleich vorbei lasse. Aber sie tippt mir auf die Schulter und als sie mich erkennt, wechseln wir sogar noch ein paar Worte. Sie wird das Ding in neuem Streckenrekord gewinnen. Ich versuche mich an sie dran zu heften, unmöglich.

Ich komme nach einigen Kämpfen mit mir und der Sonne tatsächlich am Kapruner Törl an. Nach genau fünf Stunden, damit bin ich 20 Minuten schneller als vor zwei Jahren. Christian macht Bilder und Luke hüpft vor Freude um mich herum. Es ist noch immer ein langer Weg bis ins Ziel, aber fast nur noch bergab.

Drittes Ziel: Unter neun Stunden die Ziellinie in Kaprun überlaufen

Als ich über das große Schneefeld unterhalb des Kapruner Törls runter rutsche, muss ich schon zugeben, dass es wohl mit meinem eigentlichen Ziel unter acht Stunden zu bleiben, knapp werden könnte. Das setzt meiner Motivation zu. Mehr aber noch die Sonne, die so erbarmungslos auf meinen Kopf strahlt. Cap auf, Cap runter, Cap auf, Cap runter – dieses Spiel betreibe ich ziemlich lange.

Der Weg um den Mooserboden herum zieht sich, aber ich kann ihn laufen. Barbara zieht mich und ich bin ihr sehr dankbar dafür, dass ich mich hinter sie klemmen darf. Wir erreichen ziemlich durstig die letzte große Verpflegungsstation und verlieren uns aus den Augen. Ich trinke viel, esse wenig und fülle mein Camelbag noch mal auf. Dann mache ich mich direkt auf den Weiterweg, der zunächst ziemlich abwechslungsreich ist. Steiler Wanderweg, Straße, Forststraße und dann ein mehr als spektakulärer Trail oberhalb des unteren Kapruner Stausees. Hier ist Stolpern an einigen Stellen wirklich unvorteilhaft. Daher konzentriere ich mich noch einmal, auch wenn mein Kopf ziemlich matschig von der Hitze ist. Der Trail endet und geht wenig später in einen Trail durch den Wald über. Endlich Schatten beim Kalser Tauern Trail.

Schattenplätze sind rar

Ziellinie_Kalser Tauern Trail

Im Ziel – lächeln kann ich noch. ©T.Geipert

Ich kann halbwegs locker laufen, merke aber schon, dass meine Lust auf die letzten sechs Kilometer immer weiter sinkt. Die Sonne knüppelt einfach unbarmherzig auf den Asphalt. Das Stück auf der Straße tut weh, körperlich und mental. Am Klammsee wird es kurzzeitig wieder etwas besser. Aber die letzten zwei Kilometer streike ich gefühlt. Ich wechsle zwischen Laufen und Gehen, komme kaum voran. Ich mag nur noch aus der Sonne raus und bitte noch irgendwie unter neun Stunden bleiben.

Der kühle Tunnel kurz vorm Ziel verleitet zum bleiben. Ich zwinge mich zum weiterlaufen. Jetzt bloß keinen Platz mehr verlieren. Und dann ist es geschafft – der letzte Schritt über die Zielinie. 08:54,33 Std. und damit Platz 38 Overall von 89 gewerteten Frauen. Christian ist da und Tobi. Beide sagen mir, dass Steve den Lauf seines Lebens hat und als 16er im Ziel auf der 110 K-Strecke erwartet wird. Verrückter Tag. Wir warten auf Ihn. Und auf Rupman – der ebenfalls gut unterwegs ist.

Viertes Ziel: Mit Freunden feiern und Stolz sein auf das Erlebte beim Kalser Tauern Trail

Es ist jedes Mal hart und anstrengend so ein Ultra, auch wenn es „nur“ ein kleiner ist. Und jedes Mal kommt auch ein bisschen die Frage auf, warum man das eigentlich macht. Kurz danach habe ich  schnell eine Antwort auf diese Frage: Wegen der guten Zeit mit vielen lieben Freunden und Bekannten. Das gemeinsame Leiden, Feiern und Stolz sein. Und für das Trösten bei Rückschlägen. Am Ende bleibt immer ein Wochenende voller Emotionen und Erlebnissen. Das der Großglockner Ultratrail bzw. der Kalser Tauern Trail zu unseren Lieblingsrennen in Österreich gehört ist selbsterklärend. Sonst wären wir nicht zum dritten Mal dabei. Rundum perfekt – mehr gibt es da nicht zu sagen. 2019 sind wir mit Sicherheit – sollten wir zu diesem Zeitpunkt nicht auf Bergreise sein – wieder mit dabei!

Ergebnisse Großglockner Ultra-Trail und alle weiteren Informationen zur nächsten Auflage in 2019 gibt es natürlich hier.

*Information: Der Startplatz wurde mir vom Organisator zur Verfügung gestellt, die Übernachtung ebenfalls – das hat dennoch keinen Einfluss in der Berichterstattung und ist unabhängig davon.