Es ist ein Wechselbad der Gefühle bei den adidas Infinite Trails 2018 – und dann lege ich mich tatsächlich wieder ins Bett um noch einmal ein bisschen zu schlafen. Es ist 04:30 Uhr in der Früh und ich sollte eigentlich um 04:43 Uhr auf die Loop 1 (25 Kilometer und 1900 Höhenmeter) hier in Gastein starten. Es regnet und der Start der ersten Runde wurde gerade um zwei Stunden nach hinten verschoben. Wenig später um eine weitere Stunde nach hinten.

Ab sieben Uhr dürfen die ersten Läufer dann wirklich auf die Strecke. Denke ich zumindest zu diesem Zeitpunkt noch und wälze mich im Bett herum. Ich höre dem Regen draußen zu und denke mir schon, dass wir aktuell auf den umliegenden Bergen Schneefall haben würden. Ich bzw. wir kennen unsere Berge hier und ein plötzlicher Wintereinbruch ist keine Seltenheit.

Vertical Open – der adidas Infinite Trail Prolog an Tag 1

Es ist das für uns mit Abstand am besten organisierte Event das wir bisher besucht haben. Nachdem wir unser Hotel bezogen haben, hole ich meine Startnummer ab, arbeite mich durch die Dokumente und bestätige mit meiner Unterschrift so einige Dinge und darf dann mein „Startsackerl“ in Empfang nehmen. Prall gefüllt – vor allem mit vielen guten Dingen von Powerbar. Und natürlich meiner Startnummer für den heutigen Prolog mit 19 Kilometern und 1500 Höhenmetern. Den Rang den ich dabei erlaufe, wird mit den Rängen meiner beiden Teampartner Steve und Rupi addiert und daraus dann die Startreihenfolge für Sonntag errechnet werden.

Ich bin aufgeregt, denn die Strecke liegt mir zumindest auf den ersten 12 Kilometern nicht. Der Vertical ist weniger ein Vertical als mehr ein flaches „Straßenrennen“ auf den ersten 12 Kilometern. Und das Startfeld extrem schnell. Der zweite Teil des Rennens wird ein Traum – das ist meine Motivation. Nach einem kurzen Come-together der Blogger und Medien auf der Dachterrasse unseres Hotels ziehe ich mich schnell um.

Pflichtausrüstung, Racebriefing und spektakulärer Startbereich

Steve, Rupi und ich stehen in der Schlange. Wir müssen warten, denn die Pflichtausrüstung wird mehr als penibel kontrolliert. Ich finde das gut. Die Musik im Hintergrund motiviert und lässt die Spannung steigen. Das Racebriefing ist ebenfalls sehr genau und detailliert. Alles ist hier bis ins kleinste Detail organisiert.

Startschuss und die ganz, ganz schnellen Läufer

Und dann geht alles ganz schnell und die Menge setzt sich in Bewegung. Inklusive mir und mir wird sofort schlecht. Es liegt wohl an den 190 Puls, die ich auf dem ersten Kilometer bereits erreiche. Ich werde unheimlich schnell nach hinten durchgereicht – das tut mir wirklich weh. Aber was will man machen? Ich gebe mein Bestes um dran zu bleiben. Mein Puls bleibt es. Ich habe einen leicht blutigen Geschmack im Mund und denke seit langem mal wieder daran einfach ein Rennen abzubrechen. Immerhin haben wir gerade Rückenwind. Weiter oben würde aber noch mehr Wind, Regen und Schnee auf uns warten. Die erste Steigung entlang des Wasserfall-Weges ist unbarmherzig.

Meine Beine sind bereits blau nach acht schnellen Kilometern. Ich bin den Tränen nahe. Reiße mich aber zusammen, trinke schnell was und dann sofort weiter. Rauf durch Bad Gastein zur Talstation der Stubnerkogelbahn, weiter nach Altböckstein. Ich bin froh als ich endlich die ersten 12 Kilometer hinter mich gebracht habe und könnte gleichzeitig weinen, als ich die ersten steilen Meter bergauf mache. Konzentration, durchatmen.

Ab jetzt liegt genialster Trail vor uns. Steil, aber geil. Ich finde wieder meinen Rhythmus, kann sogar ein paar Läufer überholen. Mit jedem Schritt wird es allerdings auch deutlich kälter. Irgendwann erreiche ich Wu. er ist es auch, der mir sagt, dass das Rennen an der Mittelstation der Stubnerkogelbahn bereits beendet ist. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, mich hätte diese Info nicht glücklich gemacht. Sturm am Gipfel hat die Veranstalter dazu bewogen abzubrechen bzw. zu kürzen. 02:36 Std. stehen auf meiner Uhr – 1100 Höhenmeter und 16,3 Kilometer.

Pasta-Party und warme Gedanken

Ich fahre mit der Gondel nach oben und nehme mein Drop-Bag und ein tolles Handtuch von adidas in Empfang. Ziehe mich schnell um und warm an und steuere dann direkt in die warme Stube des Stubnerkogel-Gasthaus. Die Stimmung ist genial und so viele bekannte Gesichter. Das Essen ist reichhaltig, lecker und unbegrenzt. Genau wie die Getränke und der Nachtisch. Hammer. Draußen stürmt es und in der anschließenden Gondelfahrt nach unten bekommen Wu und ich einen Vorgeschmack, was es heißt bei Sturm in einer Gondel zu sitzen. Ein aufregender Tag endet für mich hundemüde im Bett.

Restday – die adidas Infinite Trails  Tag 2

Wir schlemmen uns durch den Ruhetag. Ich genieße noch eine unheimlich gute Einheit bei den Physios und einen noch viel besseren Athleten-Brunch. Ein Eis hier, ein Eis da. Dann das extrem lange Racebriefing, dass einige offene Fragen klärt und wiederum einige Fragen hinterlässt. Vor allem die Wetterprognose wird nur kurz angerissen. Aber alles sei gut. Unser Team ist auf Position 58 in der Startreihenfolge und daraus ergibt sich eine Startzeit für mich um 04:43 Uhr in der Früh. Dementsprechend nach meinem Einlauf nach Loop 1 würde Steve auf Loop 2 (57 Kilometer/3200 Höhenmeter) starten.

Und danach Rupi auf Loop 3 (40 Kilometer / 2300 Höhenmeter). Für uns ist alles klar und nach einem richtig gutem Abendessen mit adidas im Kraut und Rüben, lande ich frühzeitig im Bett. Ich kann kaum schlafen, es regnet die ganze Nacht und ich möchte wirklich alles geben um meine Teampartner nicht zu enttäuschen.

Raceday – die adidas Infinite Trails Tag 3

Mein Wecker holt mich um 03:15 Uhr aus den Federn. Schlaftrunken ziehe ich mich Rennfertig an, schlürfe zum frühen Frühstück. Es regnet. Draußen treffe ich Dennis, Annemarie und Lena. Das Rennen sei gerade von 04:00 Uhr auf 06:00 Uhr verschoben worden. „Ehrlich?“, frage ich. Ja ehrlich. Meine Motivation sinkt. Ich frühstücke trotzdem mit Lena. Und dann lege ich mich noch mal ins Bett. Versuche zu schlafen, wälze mich aber doch nur hin und her. Versuche mich bei Laune zu halten, verfolge mein Handy und die Updates. ich mache mich ein zweites Mal für das heutige Rennen fertig. Gerade als meine Motivation wieder passt, bekommen wir die Info: Das Rennen wird noch eine Stunde nach hinten verschoben.

Jetzt bleibe ich wach und bereite mich auf meinen Start um 07:43 Uhr vor. Ich gehe noch mal ins Hotel und hole mir einen Snack. Lena ist bereits im Startbereich. Und als ich im Hotel eintreffe kommt mir Annemarie entgegen. Sie schaut nicht gut aus und spielt mir ein Video aus dem Startbereich vor. Rennen komplett abgesagt. „Wirklich?“ „Ja wirklich!“ Kurzzeitig kann ich es nicht fassen. Ich durchlaufe ein Wechselbad der Gefühle, weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll. Viel zu lange bin ich heute schon wach, mein Kreislauf ist schon hinüber, aber ich bin motiviert. Und jetzt ist alles frühzeitig beendet. Ich setze mich, bin leer und ungläubig. Das war´s also.

Ein Resümee – adidas Infinite Trails 2018

Ich denke es ist bereits viel gesagt. Ich unterschreibe nicht alles von dem gesagtem, vieles allerdings schon. Aber ich möchte auch Partei ergreifen: Wir stecken nicht hinter den Kulissen, wissen nicht aus welchen Beweggründen was entschieden wird. Gefühlt würden wir sagen, hat in diesem Fall die Bergrettung und der ÖAV einfach eine Menge Mitspracherecht gehabt. Und ich möchte auch Partei ergreifen für die Kollegen an der Strecke, die sich vielleicht im Angesicht der nächtlichen Verhältnisse nicht in der Lage sahen, wirklich für so viele Menschen und deren Sicherheit sorgen zu können. Vielleicht waren sie im Verhältnis zu wenige an der Strecke, wir wissen wie viele Bergretter es braucht um auch nur eine einzige Person vom Berg zu holen. Vielleicht kam kurzzeitig bei nächtlichem Sturm mit Schnee und Regen Unsicherheit, der Situation gewachsen zu sein.

Vielleicht gab es auch einen übervorsichtigen Race-Director, dem die Erfahrung fehlt oder es kam einfach alles zusammen. adidas hat das mit großer Sicherheit nicht extra gemacht und trägt jetzt vermutlich selbst den größten Schaden davon, obwohl sie für unseren Sport so viel tun wollten. Ja, es hätte eine Alternativroute geben müssen! Unser Gasteinertal hat 1000 Möglichkeiten für tolle, niedrigere Runden. Aber sonst? Sind wir doch mal ehrlich: Alles in allem hat dieses Event eindeutig die Chance etwas ganz großes zu werden. Und wir freuen uns schon jetzt auf 2019! Denn wir sind auf jeden Fall wieder mit dabei.

Hier geht es zu den Bildern die Wu vom Prolog gemacht hat.

Ein paar Impressionen gibt es natürlich auch noch: