Am Gipfel der Schönfeldspitze.

…und plötzlich kommt ein Felsbrocken in der Größe eines Reisekoffers daher und nimmt Fahrt auf. Los getreten durch einen anderen Bergsteiger, der nur zusehen kann, wie der Felsbrocken über den Anstiegsweg hinunter rauscht. Mein Bauchgefühl ist den ganzen Tag über ein mieses, vielleicht weil wir nur ein oder zwei Minuten früher, genau in der Falllinie des Felsbrockens gewesen wären. Aber Gott sei Dank sind wir es nicht und auch sonst niemand mehr, denn der Tourentag im steinernen Meer neigt sich dem Ende zu.

Wir verbringen ein Wochenende (19.10.-21.10.) in Maria Alm am Hochkönig. Ein Steinernes Meer liegt Maria Alm zu Füßen, sprichwörtlich. Und eine Tour, die schon seit Jahren auf unserer To-Do Liste steht. Christian kennt die Gegend zwar schon durch den Ausbildungskurs der Bergrettung, dass ist aber auch schon wieder Jahre her. Ich war noch nie oben, oben auf der Schönfeldspitze. Und wir wittern unsere Chance, denn das Riemannhaus hat schon eingewintert und damit sinkt die Anzahl an Gipfelaspiranten um ein vielfaches. Natürlich haben wir aber nicht nur die Schönfeldspitze im Blick sondern nehmen Sommerstein, Schönegg und Wurmkopf auch noch mit. Das ist nicht nur die logische Linie, sondern ist auch weniger begangen als der Normalweg auf die Schönfeldspitze.

Ein Steinernes Meer über uns, ein Wolkenmeer unter uns

Es ist Samstagmorgen und der Wetterbericht verspricht noch mal einen  grandiosen Herbsttag, wie aus dem Bilderbuch. Also frühstücken wir gemütlich im Hotel Eder, machen uns dann auf zum Parkplatz des Riemannhauses – der schon gut gefüllt ist. Wir starten entlang der Forststraße oder besser gesagt entlang des Schuttweges. Offensichtlich kommt hier bei Unwettern wirklich einiges an Geröll daher. Die Landschaft um uns herum können wir aber gerade so oder so nicht sehen, wir tappen im Nebel und sehen nur rund 10 Meter um uns herum. Selbst Luke verschwindet hier und da im Nebel aus unserem Sichtfeld. Aber der etwas unschöne Weg endet bald und geht in einen tollen Steig über. Nur ein paar einbetonierte Stufen lassen einen stutzig werden. Zwischen Sommerstein und Breithorn schlängelt sich der Steig ziemlich imposant auf die Scharte hinauf. Wir durchbrechen den Nebel in etwa auf Höhe der Scharte, gehen im Sonnenschein und haben das Wolkenmeer unter uns, ein Steinernes Meer vor uns.

Winterfestes Riemannhaus und ein paar Bergsteiger

Wie zu erwarten, treffen wir auf der Terrasse des Riemannhauses nur noch ein paar Bergsteiger, die die Sonnenstrahlen genießen, sich umziehen oder etwas rasten bevor sie ihren Weiterweg antreten. Wir machen uns auch direkt auf den Weg zum Sommerstein, unserem ersten Gipfel des Tages. Der Steig führt direkt hinter der Hütte rechts hinauf – einfach der blauen Markierung folgen. Kann man eigentlich nicht verfehlen. Und nach knappen 15 Minuten sind wir auch schon am Gipfel und genießen das Wolkenmeer unter uns. Und hier oben sind wir wirklich komplett alleine. Für so einen gigantischen Herbsttag fast zu schön um wahr zu sein.

Ein kleiner Aufstieg für einen wunderbaren Gipfel

Wir treten unseren Weiterweg in Richtung Schönegg gleich an, denn der Wind kündigt den bevorstehenden Winter an – er ist kalt. Ein paar Meter hinab und dann gleich wieder über den Steig hinauf. Das Schönegg ruht zwischen Sommerstein und Wurmkopf fast unscheinbar, ist aber einen Besuch wert. Über den Grat und ziemlich eindeutig steigen wir auch jetzt gleich weiter. Einsamkeit begleitet uns und Ruhe – gigantisch und gleichzeitig auch nicht immer ganz mein Ding. Ich kann nicht immer mit der Ruhe umgehen.

Wurmkopf im Schatten der Schönfeldspitze

Auf Höhe des Wurmkopf kommt uns das erste Pärchen entgegen. Sie berichten uns davon, dass am Gipfel der Schönfeldspitze zwar ein bisschen etwas los sei, aber nicht die Welt. Das außergewöhnliche Gipfelkreuz, dass nicht der klassischen Form entspricht, zieht die Bergsteiger nahezu magnetisch an. Weltweit ist es vermutlich auch das einzige seiner Art. Wir steigen langsam weiter, Wu nimmt noch kurz den Wurmkopf mit und dann geht es schnurstracks in Richtung Schönfeldspitze. Wir queren um den Wurmkopf herum und treffen auf den „Normalweg“ der Schönfeldspitze. Mein Bauchweh meldet sich stärker. Ich fühle mich zunehmend unwohler, obwohl das Gelände mich nicht fürchten lässt. Aber irgendwas passt nicht. Ich kann es nur schwer deuten, teile es Wu mit. Wir gehen trotzdem darüber hinweg.

Unterschätzter Aufstieg mit schwerem Gepäck

Wenig später wird das Gelände eindeutig zu schwierig für Luke bzw. wollen wir es nicht riskieren, dass er einen Stein los tritt. Es ist schon recht bröselig alles, daher kommt er in den Rucksack und Wu schultert ihn. Dabei kommt er ins schwitzen, denn vor uns liegen noch rund 350 Höhenmeter. Technisch immer im grünen Bereich arbeiten wir uns vor. Mein Bauchgefühl wird nicht besser. Ich versuche es zu ignorieren. Die Schlüsselstelle wurde mit einem Stahlseil entschärft und die Gipfelflanke ist steiler als gedacht. Machbar, aber ein Sturz wäre hier auch nicht förderlich. So ehrlich muss man sein. Am Gipfel tummeln sich schon ein paar weitere Bergsteiger, wir genießen unsere Zeit trotz Bauchweh und lassen uns bestimmt, eine untypische halbe Stunde, Zeit. Anschließend packen wir zusammen und Luke kommt wieder in den Rucksack. Wir lassen uns Zeit beim Abstieg – treffen dann noch auf neue Bekannte, quatschen, kraxeln gut runter. Die Zeit vergeht jetzt schneller. Schon fast beim Ausstieg kommt uns ein weiterer Bergsteiger entgegen. Er hastet hinter seinen Kollegen, die schon weitaus weiter sind, hinterher. Sie wollen zelten, sind generell schon eher später unterwegs. Wir lassen ihn vorbei und gehen weiter.

Schrecksekunde und ein Bauchgefühl

Vielleicht ein oder zwei Minuten später, macht es auf einmal einen großen Rumpler. Wir drehen uns um, sehen von weiter oben einen massiven Felsbrocken über den Aufstiegsweg hinunter rauschen. In der ersten Sekunde denke ich noch, es sieht aus wie ein lebloser Körper, aber der Bergsteiger steht etwas oberhalb und kann ebenfalls nur noch hilflos zuschauen, wie der von ihm losgelöste Brocken Fels hinunter donnert. Wären wir ihm nur ein, zwei Minuten früher begegnet, wären wir jetzt genau in diesem Moment in massiven Schwierigkeiten. Vermutlich mit schwer-verletztem oder tödlichen Ausgang. Vielleicht war genau dass mein Bauchgefühl, dass mich den ganzen Tag über begleitet hat. Das ist keine Anschuldigung und es ist ja Gott sei Dank auch nichts passiert.

Aber ich möchte einfach eine Bitte aussprechen: Vieles hat schlichtweg mit Glück zu tun. Vieles können wir durch Vorsicht und Obacht trotzdem ein bisschen steuern. Wir sollten alle gemeinsam immer auch darauf schauen, sich selbst, aber eben auch andere Bergsteiger nicht in Gefahr zu bringen. Das Riemannhaus nutzen wir noch mal für eine kurze Pause und ziehen uns etwas wärmer an. Es ist eben doch schon Herbst und der Schreck steckt etwas in den Knochen.

Stufe um Stufe, Kehre um Kehre

Ab dem Riemannhaus gilt es viele Stufen hinab zu steigen und einige steile Kehren. Die letzten 300 Höhenmeter folgen wir der Forststraße und kommen wieder ins Laufen. Warum auch immer. Vermutlich treibt uns der Hunger zurück ins Hotel Eder. Am Ende haben wir 1800 Höhenmeter auf der Uhr und eine große Ladung Essen vor uns stehen.