Mit ein paar Tagen Abstand zum Rennen – obwohl wir stündlich die restlichen Etappen mitverfolgt haben und derzeit die letzte Etappe nach Sulden läuft – haben wir einige Erlebnisse und Eindrücke etwas verarbeitet. Vor etwas über einen halben Jahr haben wir uns dazu entschlossen am wohl eines der härtesten Etappenrennen der Welt teilzunehmen: am Gore Tex Transalpine Run. Mit sieben Etappen, rund 265 Gesamtkilometern und 15.700 Höhenmetern nur im Aufstieg wahrlich kein Kindergarten. Und natürlich kam der Start dann viel zu plötzlich. Die Zweifel manifestierten sich, aber die Neugierde auch. Wir holen unsere Startnummern in Fischen im Allgäu – Start der ersten Etappe –  ab und sind gleich mittendrin im Transalpine Fieber. Wir treffen viele Bekannte und Freunde. Herrlich.

Viele erzählen uns von ihrer Vorbereitung und uns wird klar: Hier überlässt niemand dem Zufall was passieren wird oder eben auch nicht. Neben all dem Spaß den wir am Abend beim Willkommenprogramm und Briefing haben, spüren wir genau so die Ernsthaftigkeit, mit der die meisten Läufer diesem Rennen entgegen treten. Nach einem kurzweiligen Abend gehen wir in unsere Pension, sortieren die Sachen und versuchen zu schlafen.

Etappe 1 – Von Fischen im Allgäu nach Lech am Arlberg beim Transalpine Run 2017 | 43Km und 1800 Hm

Die Nacht ist kurz, obwohl wir ausschlafen können. Start ist erst um 09:00 Uhr, aber die Nervösität lässt uns keine Ruhe. Und der prasselnde Regen auf unser Dachfenster. Ja es schüttet und wir drücken die Daumen, dass der Regen nachlässt bis zum Start. Beim Frühstück in unserer Pension treffen wir auf einige andere Teams. Lauter nette Leute. Nachdem wir unser Gepäck zu den LKWs gebracht haben, gehen wir im strömenden Regen zum Kurhaus und wärmen uns noch ein bisschen auf. Es knistert wahnsinnig, die Spannung ist groß.Wir schlendern zur Kontrollstelle der Pflichtausrüstung und stehen dann mitten im Startblock. We are in – no returning back.  Der Regen fällt weiterhin auf uns hinab und der Startschuss verstummt. Trotzdem setzen wir uns alle in Bewegung. Die ersten 12 Kilometer laufen wir flach zur ersten Verpflegungsstation, über Schotter oder Straße. Und natürlich für uns viel zu schnell. Aber wir freuen uns, dass wir in einer guten Zeit bei der VP1 ankommen.

Ein kurzer Anstieg in Richtung Sprungschanze, dann ein kurzer Downhill und dann wieder flach in Richtung Schrofenpass. VP2 lässt in uns die Hoffnung erwachen, dass wir jetzt auf coolen Trails unterwegs sein werden. Sind wir auch kurz, dann folgt wieder eine lange, lange Straße flach hinein. Der Schrofenpass ist dann auch unser persönliches Highlight der Etappe, der folgende Downhill ziemlich heftig, weil der Boden exrem matschig ist. VP3 erreichen wir nach einem kurzen Aufstieg. Dann ging´s wieder runter um noch matschigeren Trails wieder hinauf nach Lech am Arlberg zu folgen. Am Ende zieht es sich ganz schön, aber wir finishen in einer Zeit von 06:24 Std. und fallen in die Sauna unserer Pension. (Anfängerfehler – kann Entzündungsherde im Körper loslösen). Aber immerhin ist der Regen ist in Sonnenschein übergegangen. Wir verfallen in die TAR-Routine. Duschen, Erholen, Pastaparty und Briefing zur nächsten Etappe. Schnell ins Bett flitzen wir. Ob wir tatsächlich morgen schon wieder laufen können, ist die Frage, die uns durch den Kopf geht.

 

Etappe 2 – Von Lech am Arlberg nach St.Anton am Arlberg beim Transalpine Run 2017 | 27 Km und 1900 Hm

Es ist frisch als wir die Füße nach draußen bewegen zum Start. Wir können ganz gut gehen. Es zwickt nur ein bisschen. Es ist eher eiskalt, anstatt frisch stellen wir schnell fest und stellen uns ins warme Kurhaus während wir auf den Start warten. Nein, so richtig wissen wir noch nicht wie wir die folgenden Kilometer überstehen sollen, aber es wird schon gehen. Hinter dem „Safety Car“ laufen wie die ersten Meter durch Lech bevor wir dann auf den steilen Trail hinauf zum Rüfikopf abbiegen. Wir reihen uns ein, sind eine wahnsinnig lange und schnelle Schlange und schlängeln uns die unzähligen Serpentinen auf den 900 Höhenmetern nach oben. Erst etwas waldig, dann felsig und dann kommen wir in den Schnee. Kurz vor der VP1 können wir dann sogar etwas überholen, dieses Gelände liegt uns eben. Bei der VP1 lassen wir nur wenig Zeit liegen, und rutschen den schneeigen Downhill nach unten.

 

Irgendwann lässt der Schnee nach, Wiese und Matsch folgt. Und dann eine Forststraße mit der sich die ersten Probleme bei Wu ankündigen. Vermutlich sind die mentaler Natur und ich versuche ihn die Straße runter nach Zürs zu ziehen. Diese Straßen machen einen schon fertig. VP2 kann die Laune nur etwas heben. Der Quergang dafür schon um einiges mehr – aber wir werden langsam. Und dann kommt diese scheußliche Skipiste rauf und vor allem wieder runter. Dann das Ziel. Heute sind wir langsam und mit 06:04 Std aber trotzdem im Zeitlimit. Wir gehen ein bisschen Frust-shoppen und humpeln in unsere Pension. Gleiches Ritual: Duschen, Erholen, Pastaparty und Briefing für die nächste Etappe. Wie sollen wir die nur überstehen? Ein bisschen stolz über die letzten zwei Tage sind wir dann aber schon.

Etappe 3 – Von St. Anton am Arlberg nach Landeck beim Transalpine Run 2017 | 44Km und 2200 Hm

Es regnet schon wieder. Dieses Mal noch massiver als am ersten Tag. Die Beine fühlen sich matschig an, als wir zum Startbereich gehen. So langsam kommen wir wohl so richtig an beim TAR. Run, eat, sleep, repeát. Der Startschuss fällt und wir bewegen uns vorwärts. Etwas langsamer als die ersten zwei Tage, aber laufend. Tatsächlich, es geht noch. Ein kurzes Stück durch die Ortschaft und dann biegen wir schon auf eine große Forststraße ab. Und wechseln zum Wandertag über. Trotzdem sind wir recht zügig. Wu geht es heute wieder richtig gut. Mentales Tief überwunden. Es staut sich kurz, als die Masse auf den schmalen Trail kommt. Macht aber nichts. So kommen wir in schnellen Tempo bis zum ersten „hohen“ Punkt und können dann etwas überholen im mehr als matschigen Downhill. Der Regen hat noch immer nicht aufgehört.

In einem auf und ab kommen wir laufend voran und nehmen Kurs auf die ersten Verpflegungsstation. Schnell weiter über ein langes Stück auf dem Radlweg. Dann wieder in einem auf und ab weiter. Der extrem steile Anstieg führt uns durch eine Klamm hindurch. Hier machen sich meine Achillessehnen das erste Mal bemerkbar. Wir kommen im Verhältnis recht flott durch. Auf der Forststraße werden wir leider wieder recht langsam. Und dann beginnen die Schmerzen so richtig. Jeder Schritt bergauf wird ziemlich zur Qual. Jedes Stück gerade aus ebenfalls. Humpelnd und gequält erreichen wir die zweite VP.

 

Soeben erfahren wir, dass noch mal das Cutt-Off um eine Stunde nach hinten verlegt wurde. Ok – jetzt haben wir wirklich Zeit. Bergab geht es auf den ersten Metern noch ganz gut. Aber die Forststraße wechselt auf Asphalt für acht Kilometer und das bringt mich immer wieder zum Gehen. An der VP3 erfahren wir dann, dass aus den ursprünglich 39 Km eher 44Km werden. Wir also noch einmal fünf Kilometer vor uns haben. In einem auf und ab. Mein Gemüt geht auch auf und ab.  Schmerzen, keine Schmerzen, Schmerzen und Tränen, Verzweiflung und eiserner Wille heute zu finishen. Schaffen wir auch – allerdings als eines der letzteren Teams in 08:46 Std. – dieses Mal habe wohl ich den Wu gestoppt. Es würde für uns die letzte Etappe beim diesjährigen TAR 2017 werden. Die Achillessehnen gaben keine Ruhe mehr und ich konnte nicht einmal mehr gehen. Wu entschied sich – weil es eben ein Teambewerb ist – gemeinsam mit mir den Transalpine Run zu beenden. Nicht weil er es nicht ernst genommen hat, aber wir haben schon immer die Dinge gemeinsam gestartet, erlebt und beendet.

Unser Fazit und kritische Fragestellungen

Der Transalpine Run ist und bleibt eines der härtesten Etappenrennen der Welt. Ein perfekt organisiertes Etappenrennen, bei dem es einem an nichts mangelt. Hochachtung vor dem gesamten Organisationsteam. Einfach genial. Und es ist ein Team-Rennen, dass einmal mehr Freundschaft, Partnerschaft auf den Prüfstand stellt. Hinzu kommen die enormen körperlichen Belastungen, hier durchläuft niemand alle sieben Etappen ohne ein kleines „Zwicken“. Aber das bringt mich direkt zu einem wichtigen Punkt, der für alle Teilnehmer eine andere Bedeutung hat. Wie weit kann, sollte und muss ich gehen? Als Jahres-Highlight einer Saison sollte fast klar sein, dass die Vorbereitung intensiv sein sollte. Und trotzdem werde ich meinen Körper nie auf eine derartige Belastung wirklich trainieren bzw. vorbereiten können. Ich kann eine einwöchige Dauerbelastung trainieren, ich kann sehr viele Kilometer vorab trainieren. Aber man wird kaum die reinen Zahlen/Daten/Fakten des Transalpine Run simulieren können. Daher ist es vermutlich normal, dass etwas anfangen wird weh zu tun. Nicht ohne Grund tourt ein großes Physio-Team die ganze Woche mit, genau wie die Medical Crew.  Der ein oder andere wird jetzt vielleicht sagen, ich hätte zu früh aufgehört. Ich hätte noch versuchen müssen irgendwie weiter zu laufen. Mein Physio sieht das anders und ist froh, das ich aufgehört habe.

Die Gesundheit geht vor oder auch wenn der Spaß weicht und nur noch Schmerz da ist, wie sinnvoll kann ein Rennen sein? Ehrgeiz in allen Ehren, aber um jeden Preis? In meinen Augen nicht. Die Woche wäre noch verdammt lang geworden, die Schmerzmittel-Verpackung vermutlich leer. Aber das mache ich nicht. Habe ich noch nie und werde ich auch nicht. Dann muss ich es eben sein lassen. Schmerzen „auszuschalten“ mag eine Lösung sein, für mich nicht. Ich habe Angst vor dem danach. Aber so hat eben jeder seine eigene Art damit umzugehen. Manchmal würde ich mir nur wünschen, dass einige Mitläufer auch etwas ehrlicher zu sich und den anderen sind. Es ist nicht immer alles nur „toll“ beim TAR. Es gibt Höhen und Tiefen, Schmerzen, Verzweiflung und Freude. Und ernsthafte gesundheitliche Nachfolgen unter Umständen. Das muss nicht immer jemand ehrlich sagen. Manchmal reicht ein Blick in die Gesichter auf den vielen schönen Portraits während der gesamten Veranstaltung. Wir für uns wissen: Wir werden uns noch gezielter vorbereiten müssen, um beim nächsten Mal bestehen zu können. Aber wir haben die Sache ernst genommen. Auch wenn nach der dritten Etappe Schluss war. Und einige auch behaupten, dass es egal aus welchen Gründen kein „aufhören“ beim Transalpine Run geben darf.

 

Jetzt gratulieren wir erst einmal allen Finishern des diesjährigen Transalpine Run. Ihr habt das Ding gerockt und gekämpft! Großartig. Vor allem Lena und Iris gratulieren wir, genau wie David der als Individual-Läufer gefinished hat und natürlich unseren Locals: Sarah und Ina – die es sogar aufs Podest geschafft haben. Kathi und Matthias, Carsten, Marlen und Mario… und und und.